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Lieber aktiv als passiv schreiben

15.11.23 | Schreibtipps

Es gibt viele Möglichkeiten, seine Leser zu quälen: Eine davon ist, in seine Texte möglichst viele Passivkonstruktionen einzubauen.

Am Freitag, 7. August, wurde der neue Spielplatz eröffnet. Das Band wurde feierlich durch Stadtrat Bause durchgeschnitten. Anschließend wurde der Spielplatz von den anwesenden Kindern in Besitz genommen.

Klingt furchtbar langweilig, oder? Woran das liegt? Das ist nicht schwer zu analysieren: Der Autor hat durchgehend Passivkonstruktionen benutzt und so seine Leser erfolgreich eingeschläfert. Dabei wäre es so einfach, dieselben Informationen in einen netten Text zu verpacken und ihn ins Aktiv zu setzen:

Große Freude: Stadtrat Bause hat am Freitag (7. August) den neuen Spielplatz eröffnet. Nachdem er feierlich das Band durchschnitten hatte, nahmen Dutzende Kinder unter ohrenbetäubendem Gebrüll die Spielgeräte in Besitz.

Wie du Passiv-Sätze entlarvst

Auch mir passiert es ab und zu, dass sich ein Passiv-Satz in meinen Texten einschleicht. Aber die Schlingel sind schnell zu entdecken: Wenn eine Form des Wortes „werden“ vor einem Partizip steht – Obacht!

Die Einladungen werden in den nächsten Tagen versandt. ––> passiv

Wir versenden in den nächsten Tagen die Einladungen. ––> aktiv

Weitere Signalwörter sind „bekommen“ und „kriegen“.

Der Autofahrer bekam vom Polizisten einen Strafzettel. ––> passiv

Der Polizist verpasste dem Autofahrer einen Strafzettel. ––> aktiv

Die Schüler kriegen hitzefrei vom Rektor. ––> passiv

Der Rektor gibt den Schülern hitzefrei. ––> aktiv

Zu dem ähnlichen Thema „Modalverben“ kannst du übrigens hier meinen Artikel lesen.

Vorteile des Aktivs

Du schreibst persönlicher.

Du wirst von mir eingeladen. ––> Ich lade dich ein.

Du schreibst empathischer und vielleicht auch emotionaler.

In der 35. Minute wurde der Ball ins Bayern-Tor geschossen. ––> In der 35. Minute schoss Hansemann den Ball ins Bayern-Tor.

Du schreibst informativer, da du im Aktiv angeben musst, wer etwas tut.

Der Kuchen wurde gebacken. ––> Peter hat den Kuchen gebacken.

Du schreibst kürzer.

Der Zug wurde von der Polizei auf offener Strecke gestoppt. (10 Wörter, 60 Zeichen)

Die Polizei stoppte den Zug auf offener Strecke. (8 Wörter, 49 Zeichen)

Vorteile des Passivs

Es kann aber auch manchmal von Vorteil sein, Passiv zu nutzen, zum Beispiel, wenn du den Fokus auf einen bestimmten Aspekt legen willst. So ist der Satz:

Polen wurde vom Deutschen Reich überfallen.

dazu geeignet, die Rolle des Opfers zu betonen.

Beim Aktiv-Satz

Das Deutsche Reich hat Polen überfallen.

rückt die Perspektive auf Polen in den Hintergrund.

Oder du möchtest etwas verschleiern, dann ist diese Formulierung:

Leider wurden Ihre Daten an Dritte weitergegeben.

sicher besser als diese:

Leider habe ich Ihre Daten an Dritte weitergegeben.

Fazit

Wenn du lebendig schreiben willst, dann benutze so oft wie möglich aktive Formen. Achte genau in deinen Texten, wo du Passiv-Konstruktionen ersetzen kannst. Wenn du Passiv nutzen willst, dann zu dem Zweck, eine bestimmte Perspektive zu verdeutlichen oder auch den Verursacher zu verschleiern.

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Über den Autor

Ich bin Ulf Schumann, freiberuflicher Lektor und Schlussredakteur aus Berlin, und unterstütze Unternehmen, Stiftungen und Selbstständige dabei, Texte klar, verständlich und professionell zu veröffentlichen – online wie im Print.

Ich arbeite an Blogartikeln, Websites, Berichten und Publikationen, bei denen es nicht nur auf korrekte Rechtschreibung, sondern auf Struktur, Tonalität und Lesbarkeit ankommt. Mein Fokus: Texte, die ernst genommen werden und ihre Zielgruppe erreichen.

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2 Kommentare

  1. Andrea Görsch

    Hallo, Ulf,

    ich möchte noch ergänzen: Das Passiv ist in einigen Fällen auch fürs Gendern gut geeignet. Dann, wenn der meist männliche Akteur unbedacht benutzt wird und es eher um die Sache geht. Als Beispiel:

    Die Kollegen verschicken die Information per E-Mail. -> Die Information wird per E-Mail verschickt.

    Gruß – Andrea

    Antworten

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