Wer ein Korrektorat beauftragt, wünscht sich am Ende einen fehlerfreien Text. Das ist verständlich – aber ich gebe keine Garantie dafür ab, das wäre unseriös. Auch der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) empfiehlt ausdrücklich, keine vollständige Fehlerfreiheit zu versprechen. Denn so sorgfältig ein Text auch geprüft wird: Einzelne Fehler können stehen bleiben.
Das gilt nicht nur für Manuskripte aus kleinen Verlagen oder für Bücher, die unter Zeitdruck entstanden sind. Auch in aufwendig produzierten Titeln großer Verlagshäuser finden sich Fehler. Manchmal fehlt ein Komma, manchmal wurde ein Buchstabe vertauscht, ein Wort doppelt gesetzt oder eine falsche Schreibweise übersehen. Das ist ärgerlich, aber menschlich.
So viele Fehler wie möglich finden
Beim Korrekturlesen geht es deshalb nicht darum, ein unerreichbares Versprechen abzugeben. Es geht darum, so viele Fehler wie möglich zu finden und die Fehlerquote deutlich zu senken. Eine Trefferquote von etwa 95 Prozent ist bereits ein guter Wert. Das mag zunächst wenig überzeugend klingen: Warum nicht 100 Prozent? Weil Korrekturlesen keine rein mechanische Tätigkeit ist.
Beim Lesen verarbeitet das Gehirn nicht jeden Buchstaben einzeln. Es erkennt Wörter, ergänzt Zusammenhänge und erfasst den Sinn eines Satzes. Genau das macht flüssiges Lesen möglich – und führt gleichzeitig dazu, dass wir manche Fehler übersehen. Auch erfahrene Korrektorinnen und Korrektoren sind davor nicht geschützt. Konzentration, Textlänge, Zeitrahmen, Schriftbild und die Art der Fehler spielen ebenfalls eine Rolle.
Keine absolute Fehlerfreiheit
Entscheidend ist zudem die Qualität des Ausgangstextes. Enthält ein Manuskript nur wenige Fehler, lassen sich diese meist gezielt finden. Ist dagegen beinahe jeder Satz fehlerhaft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas unentdeckt bleibt. Die Aufmerksamkeit wird dann an vielen Stellen gleichzeitig gefordert. Während ein komplizierter Satzbau geklärt wird, kann ein fehlendes Komma durchrutschen. Werden zahlreiche Tippfehler korrigiert, fällt vielleicht eine falsche Zeitform weniger schnell auf. Je höher die Fehlerdichte, desto schwieriger wird es, wirklich jede einzelne Unstimmigkeit zu erfassen.
Mehrere Korrekturdurchgänge können die Fehlerzahl weiter reduzieren, besonders wenn zwischen ihnen etwas Zeit liegt oder unterschiedliche Personen prüfen. Ich drucke zudem jeden Text nach dem ersten Korrekturdurchgang aus und arbeite mit dem Rotstift. Eine andere Schriftart oder -größe ist ein weiteres Hilfsmittel, um eine andere Perspektive auf den Text zu gewinnen. Doch auch dann lässt sich absolute Fehlerfreiheit nicht zuverlässig garantieren.
Keine falsche Sicherheit
Meine Aufgabe als Korrektor ist es daher, Texte mit großer Sorgfalt, Erfahrung und einem geschulten Blick zu prüfen. Ich finde sehr viele Fehler – aber ich verspreche nicht, dass mir kein einziger entgeht. Eine solche Zusage würde falsche Sicherheit schaffen.
Ein professionelles Korrektorat bedeutet nicht, Unfehlbarkeit zu verkaufen. Es bedeutet, gründlich zu arbeiten, transparent mit den Grenzen dieser Arbeit umzugehen und einen Text so fehlerarm wie möglich zu machen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem vollmundigen Versprechen und einer seriösen Dienstleistung. Auch wenn ich mich über nicht gefundene Fehler selbst am meisten ärgere.




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