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Die seltsame Liebe zur Behördensprache

26.05.26 | Schreibtipps

Es gibt Texte, die klingen so nach verstaubter Amtsstube, dass ich automatisch niesen muss. Da wird nicht einfach ein Sachverhalt erklärt, sondern „zur Kenntnis gegeben“. Niemand ruft an, man „tritt telefonisch in Kontakt“. Und statt etwas zu ändern, wird „eine Anpassung vorgenommen“.

Solche Formulierungen begegnen dir bestimmt auch ständig: in Behördenbriefen, Geschäftsberichten, Rundmails oder Bewerbungsschreiben. Auch wenn sie grammatikalisch völlig korrekt und fehlerfrei sind, entsteht beim Lesen Distanz. Der Text wirkt schwerfällig, unnahbar und leblos.

Bürokratischer Nominalstil

Besonders beliebt bei Behörden ist der Nominalstil. Aus einem einfachen Verb muss zwanghaft ein Hauptwort kreiert werden. Der Bürokrat schreibt nicht „wir prüfen“, sondern „eine Prüfung erfolgt“. Statt „wir entscheiden bald“ heißt es „eine zeitnahe Entscheidungsfindung wird angestrebt“.

Das Problem: Solche Formulierungen machen Texte länger, abstrakter und unnötig kompliziert.

Natürlich muss nicht jeder Text klingen wie ein lockerer Instagram-Post. Aber viele schreiben deutlich förmlicher, als die Situation es eigentlich verlangt.

Wörter mit Aktenordner-Aura

Es gibt Begriffe, die einen Text sofort verstauben lassen.
Zum Beispiel:

  • „durchführen“
    besser: → oft„machen“oder „umsetzen“
  • „hinsichtlich“
    besser: → oft „zu“oder„bei“
  • „entsprechend“
    besser: → oft„wie vereinbart“,„passend“ – oder einfach weglassen
  • „vornehmen“
    besser: → oft„ändern“oder „anpassen“
  • „bezüglich“
    besser: → oft„zu“
  • „in Kenntnis setzen“
    besser: → meist„informieren“oder „Bescheid geben“
  • „zur Verfügung stellen“
    besser: → oft„bereitstellen“(manchmal auch einfach: „geben“)

Die Wirkung dieser Wörter: Alles soll wichtiger klingen, als es in Wahrheit ist, es wird eine Distanz zum Empfänger aufgebaut. Wenn ein Amt seinen Bürger in Kenntnis setzt statt Bescheid gibt, hat das ein anderes Gewicht. Glaubt das Amt.

Behördensprache vermittelt Sicherheit, aber nur aus Behördenperspektive. Wer kompliziert formuliert, wirkt schnell offiziell, sachlich oder kompetent. Gerade im beruflichen Kontext entsteht leicht die Angst, einfache Sprache könne zu simpel wirken.

Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Klare Sätze wirken souverän. Wer verständlich schreibt, zeigt, dass er den Inhalt durchdrungen hat. Hinter komplizierten Formulierungen steckt dagegen nicht selten Unsicherheit – oder schlicht Gewohnheit.

Was im Lektorat auffällt

Viele Texte wirken nicht deshalb schwer, weil das Thema komplex wäre.

Sie wirken schwer, weil jede einfache Aussage noch einmal gründlich aufgeblasen wurde.

Interessanterweise passiert das inzwischen auch bei KI-Texten. Die Systeme lieben Formulierungen wie „im Rahmen von“ oder „maßgeblich dazu beitragen“. Alles klingt glatt und alles klingt gleich.

Fazit: Weniger Verwaltung, mehr Sprache

Nicht jedes „hinsichtlich“ muss verschwinden und manchmal braucht es auch präzise Fachsprache.

Aber viele Texte würden gewinnen, wenn die Autoren sich trauen würden, einfacher zu klingen.

Oder anders gesagt:
Wer verstanden werden will, darf seine Texte nicht so formulieren, dass sich sofort eine Staubschicht auf sie senkt.

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Über den Autor

Ich bin Ulf Schumann, freiberuflicher Lektor und Schlussredakteur aus Berlin, und unterstütze Unternehmen, Stiftungen und Selbstständige dabei, Texte klar, verständlich und professionell zu veröffentlichen – online wie im Print.

Ich arbeite an Blogartikeln, Websites, Berichten und Publikationen, bei denen es nicht nur auf korrekte Rechtschreibung, sondern auf Struktur, Tonalität und Lesbarkeit ankommt. Mein Fokus: Texte, die ernst genommen werden und ihre Zielgruppe erreichen.

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