„Zur See“ von Dörte Hansen ist ein echter norddeutscher Roman, wenn es so etwas gibt, und spielt auf einer Nordseeinsel, die namentlich nicht genannt wird. Auf ihr lebt seit Jahrhunderten die Familie Sander, die Männer als Seeleute, die Frauen warteten zuhause und zogen die Kinder alleine groß.
Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Mann von Hanne Sander, Jens, hat die Seefahrt aufgegeben, die Familie verlassen und lebt zurückgezogen als Vogelwart im Naturschutzgebiet. Der älteste Sohn, Ryckmer, ist schwerer Alkoholiker und hat sein Kapitänspatent verloren, der jüngste, Henrik, ist der erste Sander, der nicht zur See fährt, sondern Künstler geworden ist. Er sammelt Treibgut am Strand und erstellt daraus Skulpturen, die vor allem bei den Touristen beliebt sind. Und Tochter Eske schließlich ist Altenpflegerin und sorgt sich um die Insel und ihre Kultur, die durch den Wandel, verkörpert durch die Touristen, zunehmend bedroht ist.
Düstere Vorahnungen
Von Beginn des Romans an liegt etwas Schweres, Unheilvolles in der Luft. Der Leser erfährt durch verschiedene Perspektivwechsel vom Leben der Protagonisten und von der Geschichte der Insel. Die Sander-Kinder mussten in den Sommermonaten regelmäßig ihre Zimmer an Touristen abtreten, wurden ausgeliehen „wie Fahrräder“. Dass Ryckmer dabei missbraucht wurde, deutet Dörte Hansen ebenso nur an wie einige andere Themen, so die „Zitterkrankheit“ von Jens oder die traumatischen Erlebnisse auf See von Ryckmer, der düstere Vorahnungen über die Zukunft der Insel mit sich herumschleppt.
Es sieht nicht gut aus, findet er. Da kommt noch was. Manchmal, wenn die Nacht sehr still ist und die Bierbetäubung zu früh nachgelassen hat, ist Ryckmer Sander sich fast sicher, dass er vom Meeresgrund die Kirchenglocken hören kann und auch die Stimmen der Ertrunkenen. Sehr alte Stimmen, manchmal singen sie, oft ist es nur ein Murmeln oder Raunen.
Klischeefreier Roman
Es wird nicht viel geredet im Roman, nicht zwischen den Sanders und nicht zwischen den übrigen Inselbewohnern. Im Januar strandet ein toter Pottwal in Jens’ Schutzgebiet, was die unheilvolle Stimmung unterstreicht. Ohne Pathos oder große Sentimentalität schildert Hansen, wie das Tier zerlegt wird. Diese nüchterne Erzählstimme, angereichert mit einer Prise Humor, wenn sie die Touristenhorden mit all ihrer Einfältigkeit schildert, trägt das Buch bis zum tragischen Ende, das hier nicht verraten werden soll. Geschickt entgeht die Autorin konsequent allen Klischeefallen, die bei den schweren Themen auf jeder zweiten Seite lauern.
„Zur See“ ist ein sehr poetisches Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Man lässt sich mitreißen von den Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart. Klare Leseempfehlung!
Dörte Hansen: Zur See. Roman. Penguin, München 2022. 256 Seiten, 24,00 EUR.




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