Was für ein Lesevergnügen! Wenn mich in den letzten Jahren ein Buch mitgerissen hat, dann dieses.
Der Stich der Biene von Paul Murray ist die Geschichte des Untergangs einer Familie in einem kleinen irischen Kaff. Nun könnte man meinen, ach Gott, seit den Buddenbrooks gab es das doch hundertemal. Mich fasziniert dieses Genre aber immer wieder, und Paul Murray hat eine besonders wundervolle Variante geschaffen.
Im Mittelpunkt stehen die vier Mitglieder der Familie Barnes: Dickie und Imelda mit der 17-jährigen Cass und dem 12-jährigen PJ. Dickie hat das Autohaus von seinem Vater übernommen, im Zuge der Wirtschaftskrise 2008 gerät sein Unternehmen immer weiter ins Schlingern.
Perspektivwechsel
Zunächst schildert Murray abwechselnd aus der Perspektive der vier Familienmitglieder den jeweiligen Blick auf das Geschehen. Wir erfahren die verschiedenen Geheimnisse, die Ängste und in Rückblenden die tragischen Geschichten vor allem der Eltern: Imelda ist mit einem gewalttätigen Vater aufgewachsen und hat sich immer auf ihre Schönheit als Aufstiegschance verlassen müssen. Dickie stand als Kind und Jugendlicher im Schatten seines Bruders, der alle mit seinem Aussehen und seiner unbeschwerten Art verzaubert hat. Nach dessen Tod lässt Dickie sein altes Leben zurück, wird jedoch nie mehr wirklich glücklich.
Die vier Kapitel sind alle in einem anderen Stil geschrieben. Besonders sticht dabei das Imelda-Kapitel heraus, das wortwörtlich ohne Punkt und Komma auskommen muss. Daraus entsteht eine gewisse Rastlosigkeit, Murray hebt ihre schlichte, direkte Art hervor, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.
Der Sohn PJ macht sich große Sorgen um seine Familie. Er hat Angst, zuzugeben, dass seine Schuhe schon wieder zu klein sind, und erträgt lieber die Schmerzen. Er wird gemobbt und über Social Media tappt er in die Falle von Cybergrooming.
Cass wiederum ist befreundet mit der manipulativen Elaine, Tochter von Big Mike, der nach und nach das Autohaus übernimmt und zudem Imelda nachstellt.
Spannung bis zur letzten Seite
Nach gut zwei Dritteln des Buchs wechselt der Autor erneut die Erzählweise, er schreibt ab dort in der Du-Perspektive, wieder abwechselnd aus der Sicht der vier Hauptpersonen, ganz zum Schluss kommen noch weitere Nebencharaktere hinzu. Murray schafft es, die Spannung bis zum Finale immer weiter zuzuspitzen, er verdichtet das Geschehen, die Abschnitte werden von Seite zu Seite kürzer.
Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Keine banalen Passagen, geschickte Cliffhanger – trotz der vielen Haupt- und Nebencharaktere und Zeitsprünge verliert man als Leser nie die Übersicht.
Absolute Leseempfehlung!
Paul Murray: Der Stich der Biene. Roman; Kunstmann, München 2024. 700 Seiten. Als Taschenbuch 18,– €.





















































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