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Die vergessene Zeitform: Die Vorvergangenheit

10.09.25 | Schreibtipps

„Nachdem ich drei Jahre in Hamburg lebte, kam ich nach Berlin zurück.“

Klingt komisch? Ist es auch. Schließlich beschreiben die beiden Sätze unterschiedliche Zeiten. Wenn die Erzählerin nach ihrem Aufenthalt in Hamburg nach Berlin gezogen ist, braucht es für den ersten Satz eine andere Zeitform: das Plusquamperfekt, auch Vorvergangenheit genannt. Richtig wäre also: „Nachdem ich drei Jahre in Hamburg gelebt hatte, kam ich nach Berlin zurück.“

Das Plusquamperfekt wirkt ein wenig wie das ungeliebte Stiefkind unter den deutschen Zeitformen. In vielen Texten, die bei mir auf dem Schreibtisch landen, kommt es überhaupt nicht vor. Dabei ist es ein höchst nützliches Werkzeug: Es zeigt an, dass eine Handlung vor einer anderen Handlung in der Vergangenheit abgeschlossen war.

So bildest du die Vorvergangenheit

Hilfsverb (haben oder sein) im Präteritum + Partizip II.

  • „Ich hatte gelesen.“
  • „Er war gegangen.“

Wann die Vorvergangenheit gebraucht wird

1. Zur Orientierung in Geschichten.

„Sie war gerade eingeschlafen, als das Telefon klingelte.“ → Das Einschlafen geschah zuerst.

2. Bei Rückblenden.

„Er erinnerte sich daran, wie er das Auto gekauft hatte.“

3. Zur Vermeidung von Missverständnissen.

„Nachdem ich das Licht ausgemacht hatte, fiel mir ein, dass der Herd noch an war.“

Regel brechen

Nun kann es natürlich sein, dass zum Beispiel in einem Roman über fünf Seiten eine Episode aus der Vorvergangenheit erzählt wird. Streng genommen müsste also jeder Satz im Plusquamperfekt stehen – das liest sich dann entsprechend schrecklich: „Er hatte geschlafen, war aufgestanden, hatte sich einen Kaffee gekocht. Dann war er zur Arbeit gefahren und hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt …“

Nein, das will man seinen Lesern nicht antun. Hier brechen wir die Regel und schreiben die ersten zwei oder drei Sätze im Plusquamperfekt und wechseln dann ins Präteritum. Am Schluss des Abschnitts, kurz bevor die Vorvergangenheit endet, schreiben wir erneut zwei, drei Sätze im Plusquamperfekt. Das ist gut zu lesen und der Leser versteht ohne Probleme, wie der Abschnitt zeitlich einzuordnen ist.

Fazit

Das Plusquamperfekt ist ein nützliches Orientierungssignal. Es zeigt, in welcher Reihenfolge Dinge geschehen sind und macht Texte präziser. Also: Nutze die Vorvergangenheit, um deine Texte logisch und verständlich zu gestalten, aber übertreibe es damit nicht.

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Über den Autor

Ich bin Ulf Schumann, freiberuflicher Lektor und Schlussredakteur aus Berlin, und unterstütze Unternehmen, Stiftungen und Selbstständige dabei, Texte klar, verständlich und professionell zu veröffentlichen – online wie im Print.

Ich arbeite an Blogartikeln, Websites, Berichten und Publikationen, bei denen es nicht nur auf korrekte Rechtschreibung, sondern auf Struktur, Tonalität und Lesbarkeit ankommt. Mein Fokus: Texte, die ernst genommen werden und ihre Zielgruppe erreichen.

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